Dolomitenrunde 2020

Text: Freerk Remmers
Fotos: Marco Schwan, Freerk Remmers, Andreas Urbschat

Aussichtspunkt auf dem Bindelweg in Richtung Canazei

Intro

Nach der Albrecht-Route Transalp im letzten Jahr haben für diesen September eine Dolomitenrunde geplant. Für diese Reise haben wir uns vorgenommen, wieder volles Naturerlebnis zu suchen, auch wenn Teile des Weges vielleicht beschwerlich werden. Dafür werden auf jeden Fall Fullys benötigt, um auf den Wegen der Höhenlagen überhaupt fahrfähig zu sein. Außerdem haben wir die Etappen so geplant, dass uns immer genug Zeit für Cappuccino-Pausen bleibt und wir zeitig in den Unterkünften eintreffen. Dafür planen wir morgens früh aufzubrechen, um nach hinten heraus genug Zeitreserven zu haben. Dieses Mal möchten wir ein uns ein bisschen mehr Dolce Vita abholen als im Jahr zuvor.

Samstag, 05.09.2020

6:25 Uhr Abfahrt von Bad Oldesloe nach Brixen. Mein Rad kommt verpackt mit, Andreas und Marco werden sich in Brixen beim Bike-Verleih Räder leihen.

Spektakulär: Brixen Bahnhof

Wir kommen so zeitig in Brixen an, dass wir nach dem Einchecken noch einen warmen Spätsommer-Abend mit leckerem Essen in der Innenstadt von Brixen genießen können.

Innenstadt von Brixen

Sonntag, 06.09.2020

Brixen, St. Andrä, mit Lift auf die Plose, Würzjoch, Lüsner Joch, St. Vigil

Ab Mittag sind Gewitter angesagt. Also sind wir schon um 8:15 Uhr auf der Straße. Andreas und Marco müssen ihre Räder an der Plose abholen, so dass sie den Bus nehmen. Ich mache meine ersten 500 Höhenmeter zur Talstation des Plose-Liftes allein. Gut eine Stunde später treffen wir uns oben abfahrtbereit ausgerüstet mit drei Fullys. Die beiden haben etwas schwerere Modelle mit mehr Federweg, dafür bin ich etwas leichter unterwegs.

Das Gefährt hat uns problemlos über die anspruchsvolle Route gebracht

So geht es also mit Mundschutz vor dem Gesicht in die Gondel den Plose-Lift 900 m aufwärts. Inzwischen scheint oben die Sonne, lange Klamotten aus, Weltmeister-Trikot von Peter Sagan an, eincremen, Star(t)-Foto und dann geht’s los. Auf ca. 2000 Metern Höhe geht es auf Forst- und Wanderwegen auf und ab Richtung St. Vigil. Dabei leisten wir uns eine kleine Navigations-Panne und nehmen statt eines bequemen Schotterweges einen Kletterweg. Mit viel Geschiebe führt er auf und ab. Wo es geht und manchmal auch da wo es nicht geht versuchen wir zu fahren. Dabei packt sich einer nach dem anderen einmal ab. Marco startet mit einem vornüber Bauchklatscher der zum Glück glimpflich ausgeht. Ich selbst trete bei einem Notabstieg in eine sumpfige Stelle, sacke bis über den Knöchel ein und verliere das Gleichgewicht. Daraufhin kugele ich inklusive des Fahrrades den Hang hinab. Schlamm vom Ohr bis in die Schuhe. Nass und dreckig aber unversehrt stehe ich lachend auf.

Freerk hatte einen nicht geplanten Abstieg, ist aber sanft gelandet

Der Weltmeister sieht reichlich ramponiert aus. Danach ist erst einmal Kleidungswechsel angesagt. Unser schlankes Reisegepäck ist für solche Eskapaden eigentlich nicht kalkuliert. Beim nächsten Anstieg steht Andreas mit den Pedalen des gemieteten Rades auf Kriegsfuß. Ungebremst fällt er mit der Seite des Rumpfes auf einen großen Stein. Den Rest der Reise wird er etwas leiden. Die nächste Panne passiert, weil Andreas und ich kleine Abweichungen in unseren Tracks haben. Entweder ich habe noch kleinste Dinge angepasst oder sein Garmin hat mit der Routingfunktion dazwischengehauen. Zack waren die beiden weg und ich kreuze einen großen Bergbach auch etwas unkonventionell indem ich mit meinen vom Sturz verschlammten und ohnehin nassen Schuhen durchs eiskalte Wasser wate. Dann weiß keiner mehr so richtig wo der andere steckt. Rufe werden vom Fluss, Anrufversuche von den Bergen verschluckt. Nach einer halben Stunde finden wir uns mehr durch Zufall als durch System wieder (das ist Freerks Meinung, Marco und Andreas haben sehr wohl durch systematisches Rufen und Lauschen den Vermissten gefunden!). Inzwischen zieht sich wie vorhergesagt der Himmel langsam zu, also weiter. Das viel besuchte Würzjoch ist geschafft, dann geht es einsam auf Forstwegen weiter zum Lüsner Joch. Dort angekommen wollen wir an einer verlassenen Hütte zur Stärkung ein Brötchen essen. Beim Blick nach hinten bekommen wir aber Sorgen und plötzlich beginnt es noch zu Grollen. Gewitter darf uns hier oben nicht erwischen. Die angebissenen Brötchen werden eilig wieder eingepackt, das Hochplateau rasch durchfahren und anschließend dem Gewitter davon gerast auf steilen Forstwegen ins Tal hinab. Oben in den Bergen bricht das Gewitter los, aber hier unten sind wir sicher. Von nun an ist es nur ein kleiner Anstieg Richtung St. Vigil den wir rasch abspulen. Am Ortseingang fahren wir zu der erstbesten Pension, stellen uns als Schutz vor dem langsam einsetzenden Regen unter einen Balkon und suchen auf Booking nach einer Bleibe. Dabei stellen wir fest, dass wir das beste und günstigste Hotel direkt vor der Nase haben. Die Wirtin wundert sich, dass jetzt noch Gäste kommen, hat aber noch Platz für uns. Zeitgleich steckt St. Vigil ebenfalls im heftigen Gewitter und es beginnt sturzbachartig zu schütten. Unser Timing hat gestimmt. Im Hotel gehe ich erstmal inkl. Helm, Klamotten und Schuhen in die Dusche. In einer Regenpause machen wir einen kleinen Gang mit Restaurantbesuch im Ort. Nachdem ich meine Schuhe trockengeföhnt habe gehen wir ins Bett.

Montag, 07.09.2020

St. Vigil, Kreuzjoch, Lärchental, Grünwaldalm, Pragser Wildsee, Prags, Plätzwiese, Dürrensteinhaus

Heute liegt die vermutlich anstrengendste Etappe vor uns. Wir wollen von St. Vigil über das Kreuzjoch durch den nördlichen Teil des Naturparks Fanes-Sennes-Prags. Die Route führt vorbei am berühmten Pragser Wildsee, über Prags weiter Richtung Süden und dann wieder hinein in die Bergwelt zur  Dürrensteinhütte. Wieder gelingt uns ein zeitiger Aufbruch.

Erste Hindernisse beim Aufstieg zum Kreuzjoch

Es regnet nicht mehr, aber das ganze Tal ist Wolkenverhangen. Von 1200 m Höhe geht es auf einen gleichmäßigen sehr steilen Anstieg um fast 1100 m ununterbrochenen hinauf zum Kreuzjoch auf 2283 m. Schon vom Start weg geht es auf Teer sacksteil nach oben. Die Teerwege werden zu nicht minder steilen Forstwegen. Irgendwann besteht der Weg nur noch aus mit Radladern planierten Muren aus Dolomiten-Stein. Wir sehen wenig von der Bergwelt, da alles bewölkt ist. Auf dem Weg nach oben sind aber hin und wieder zwischen den Wolkenfetzen links und rechts die hohen Wände zu erahnen.

Gleich verschlucken uns die Wolken und der Nebel auf dem Weg zum Kreuzjoch

Auf dem Weg werden wir von drei E-Bikern überholt. Ein Schweizer Ehepaar macht zusammen mit einem örtlichen Führer  denselben Weg. Nach mehreren Stunden wilden Kurbelns und Schiebens erreichen wir das Kreuzjoch. Fotostopp, umziehen in wärmere Klamotten für den Weg bergab. Es kommt uns im Nebel dort oben ein bisschen vor wie eine Expedition ins Surreale. Oder sind wir schon höhenkrank…? Wir fahren rechts auf einem wunderschönen Singletrail am steilen Berghang den Pass vom Kreuzjoch hinab.

Vom Kreuzjoch ins Nichts

Meistenteils ist er fahrbar, manchmal aber so steinig und ausgesetzt, dass wir lieber schieben. Trotzdem großer Spaß. Im Verlauf arbeiten wir uns durch viele Muren. Teilweise geht es zu steil auf zu grobem Stein, so dass nur Schieben übrigbleibt.

Andreas auf einer Kreuzjoch-Mure

Irgendwann wird das Gestein feiner und das Gelände flacher, so dass wir mit Karacho durch die Riesenkieskuhle der Dolomiten jagen. Dann  verwandelt sich der Schotter in Wiesen und wir kommen auf der Grünwald Alm an.

Talwärts vom Kreuzjoch kurz vor der Grünwaldalm

Hier wird ein verdientes Radler getrunken und mit warmer Suppe und Brot nachgetankt. Die e-Biker treffen wir hier wieder, auch sie tanken nach, aber an der Steckdose. Weiter geht es ein kurzes Stück bergab und schon sind wir am kitschigen Instagram-Selfie-Renner, dem Pragser Wildsee. Ein paar Fotos sind unumgänglich. Marco verweigert sich allerdings vor dem Hintergrund des touristischen Trubels um diesen See. Um den See herum besteht ein Fahrverbot für Radfahrer. Da es aber nicht allzu voll ist rollen wir langsam am Ufer entlang. Danach führt unser Track eigentlich durch einen Waldweg, da wir aber Zeit gewinnen wollen, rasen wir die Teerstraße weiter. Hierbei schaffen wir unseren Geschwindigkeitsrekord von 66 km/h. Die wilde Raserei ist bald vorbei, denn es geht rechts ab und bergan. Beim Umkleiden für den Enstieg treffen wir zum dritten Mal die e-Biker. Auch dieser Anstieg hat es in sich. Mit den 1100 Metern des Vormittags in den Beinen geht es wieder steil bergauf von 1200 m auf 2012 m zur Dürrenstein-Hütte. Wieder das gleiche Spiel: auf Teer steil bergauf, dann auch doppel-sack-steil (DSS). Gegen Ende des Weges wird der Weg zur Schotterstraße, dann etwas flacher und es geht über die Plätzwiese ein kleines Stück weiter bis zur Dürrenstein-Hütte. Nicht immer gelingt es, die Strecke im Fahren zu schaffen, Schiebeepisoden sind immer wieder dabei. Die Wirtin hatte uns bei der telefonischen Anmeldung gemahnt, zeitig loszufahren, da die meisten Biker die unsere Strecke nehmen nicht pünktlich zum Abendessen erscheinen. Wir haben es geschafft und rollen um 17:45 Uhr bei der Hütte an.

Behutsames Zureden und die Brückenwärter geben die letzten Meter zur Dürrensteinhütte frei

Genau zeitig, denn es setzt leichter Regen ein. Der Empfang ist herzlich, Fahrräder werden untergestellt, es wird geduscht und um 19 Uhr ist gemeinsames Abendessen im Saal. Marco war schon einmal hier oben, kennt die hübschen Gipfel von denen wir im Nieselregen nichts sehen können. Daher freuen wir uns, dass sich am späten Abend ein paar Wolkenlöcher auftun. Es blitzen die ersten Felsen und Sterne auf.

Dienstag, 08.09.2020

Dürrensteinhaus, Schluderbach, Ponte Alto, Cortina d´Ampezzo, Croda da Lago

Beim Erwachen um 6 Uhr steht eine wirkliche Offenbarung bereit. Beim Blick aus dem Fenster liegt die ganze Pracht der Dolomiten-Welt im Morgenschimmer vor uns. Alle Gipfel sind klar zu bestaunen, nur im Tal wabern die Wolken. Ich stehe fasziniert mit dem Fotoapparat vor der Dürrensteinhütte. Jede Minute ändert sich das Licht, von grau zu blau und irgendwann zum Morgenrot.

Morgennebel im Tal von Schluderbach, während die Spitzen der Cristallogruppe zu glühen anfangen
Der Morgennebel steigt von der Plätzwiese auf, während die Spitze der Hohen Gaisl in erstes Sonnenlicht getaucht wird

Wieder viel auf dem Programm, wieder früh los. Es ist sonst noch niemand unterwegs, daher fahren wir nicht den Forstweg von der Dürrensteinhütte hinab, sondern nehmen den  Wanderweg durch den Wald. In fast mystischer Stimmung arbeiten wir uns durch die im Tal liegenden Wolken und den nassen Wald.

Marco fährt gleich in den morgendlichen Nebel hinein

In Schluderbach queren wir die Hauptstraße. Die Sonne kommt raus und wir fahren auf einem ehemaligen Bahndamm wunderschön auf breitem Schotter in Wellen parallel zum Schluderbach gen Westen. Dabei machen wir das ein oder andere Rennen. Vor lauter Spaß am schnellen Radeln verpassen für fast den steilen Anstieg rechts hinauf. Durch wunderschöne Forstwege mit viel Spaziergängern arbeiten wir uns bergauf. Kurz gibt es wieder die üblichen Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Route zwischen Andreas und mir. Wir entscheiden uns für meine Route, werden bestraft mit wilder Kletterei über groben steilsten Schotter. Dafür können wir aber eine wunderschöne tief vom Wasser gegrabene Schlucht mit  Wasserfällen bewundern. Im Verlauf wird der Weg wieder fahrbar und schließlich werden wir belohnt mit einem wunderschönen Höhenweg mit Blick über das Tal bis hin nach Cortina d´Ampezzo.

Der Passo Posporcora ist überquert: Col Rosà im Hintergrund
In der Region soll auch die Alpine Ski-WM 2021 stattfinden
Auch wenn es zum Verweilen einlädt: Wir werden erst in Cortina einen Cappuccino trinken

In Cortina machen wir vor der Kirche auf dem Dorfplatz eine schöne Cappuccino-Pause. Dass wir hierfür einige Höhenmeter drangegeben haben, die wir jetzt Richtung unsere Hütte Croda da Lago bitter nötig haben, hatten wir bewusst in Kauf genommen. Nun geht es von 1125 m in einem endlosen, gleichmäßig sacksteilen Anstieg hinauf auf 2046 Metern zu unserer Bleibe für die nächste Nacht. Auch hier reichen auf dem Weg bei mir immer wieder die Kräfte für den steilen Anstieg nicht. Das Schieben ist für mich manchmal effizienter als mit äußerster Kraft zu fahren. Andreas und Marco fahren meistens durch. Am Ende bleibt aber allen auf der steilsten Betonpiste nur das Schieben. Ziemlich erschöpft aber wie immer zufrieden erreichen wir die Hütte am Fuße der Croda da Lago. Traumhaft gelegen im Nirgendwo.

Becco di Mezzodi und Cima Ambrizzola

Alle möglichen Gipfel der Dolomiten liegen im Kreis um uns herum. Marco versucht den ganzen Tag mit Hilfe seiner Handy-App die Gipfel zu identifizieren, auf denen er zum Teil schon gestanden hat. Das Essen besteht wie schon am Vorabend eigentlich aus zwei Hauptgerichten und Nachtisch. Für uns reicht es dennoch so gerade. Laut Marcos Pulsuhr verbrauchen wir ca. 5000 bis 6000 Kilokalorien pro Tag. Auf dieser Hütte schlafen wir zum ersten Mal beengten Verhältnissen. In Etagenbetten und in Gesellschaft eines älteren Herrn der nach Venedig wandert wohnen wir im Schlafraum. Andreas und ich, beide kleine Hobbyastronomen, hatten uns eigentlich auf den kolossalen Sternenhimmel gefreut. In der Dürrensteinhütte war er zu erahnen, dann im Dunst verschwunden. Hier stört nun das Hüttenlicht. Es war kein kolossaler aber dennoch schöner Anblick der Milchstraße.

Mittwoch, 09.09.2020

Croda da Lago, Forcella Ambrizzola, Alleghe, Savinei, Arraba, mit Lift auf die Porta Vescova, Bindelweg, Bindelhütte

Heute führt unsere Route durch die wilde Bergwelt, dann über Trails nach Alleghe und schließlich nach Arraba. Von dort ist der Weg hinauf zum Bindelweg mit der Gondel geplant. Oben wollen wir am frühen Abend, wenn alle Wanderer verschwunden sind den Bindelweg zur gleichnamigen Bindelweghütte fahren. Zunächst arbeiten wir uns also vom Rifiguio Croda da Lago hinauf durch eine wirklich große schroffe Bergwelt. Nur ein kurzes Stück ist fahrbar, danach schieben wir über steile grobe Felsen hinauf zur Forcella Ambrizzola. So nennt sich eine Felsscharte auf 2315 m, durch die wir die Gebirgsgruppe Croda da Lago überwinden.

Gleich nach dem Start ein knackiger Anstieg zum Forcella Ambrizzola

Auch bergab sind nur kurze Abschnitte fahrbar. Gegenüber den Beschreibungen anderer Fahrer scheint sich durch Felsrutsche der Zustand des schmalen Trails  verschlechtert zu haben. Dem Erlebnis tut dies aber keinen Abbruch.

Andreas auf dem Forcella di Col Duro
Marco und Freerk haben den Forcella di Col Duro überquert
Auch wenn der grobe Schotter überwunden ist, geht es verblockt weiter

Wir wissen: irgendwann kommen wir zu unserem Recht, die Höhenmeter mit Freude zu vernichten. Erst auf wieder fahrbarem Trail, dann auf grobem Schotter, schließlich auf Forstwegen, an denen mehrere bewirtschaftete Hütten und zahlreiche Wanderer auftauchen. Zuletzt fahren wir vorbei an Höfen und Almen und schließlich durch die Flächen des Skigebiets von Alleghe. Der letzte Teil dieser Strecke ist der berühmte Alleghe-Trail. Er geht schmal und steil durch Wald und Wiesen. Ein großer Spaß, aber wegen der nassen Wurzeln und Felsen nicht ganz ungefährlich. Heil kommen wir in Alleghe an und machen auf einer Terrasse mit Blick auf den See Pause mit Bier, Cappuccino und Toast.

Rast nach der steilen Abfahrt nach Alleghe

Wieder sind alle Höhenmeter verbraucht. Es geht nun 650 m bergan auf 1643 m nach Arraba. Erst ein kleines Stück Hauptstraße seicht bergan, zwei Tunnel vorschriftsmäßig mit Rücklichtern beleuchtet, die wir seit Marcos und meiner Fahrt ohne Licht durch den Timmelsjoch-Tunnel vor 2 Jahren nun immer dabeihaben. Dann links ab durch Forstwege in einsamer Natur. Der Anstieg zieht sich etwas und wird immer steiler, die letzte Strecke legen wir auf der Straße nach Arabba zurück. Dennoch haben wir richtig früh fast alle Höhenmeter des heutigen Tages eingesammelt, so dass wir uns schon wieder eine ausgiebige Pause gönnen. Nach kurzem Einkauf rollen wir zur Liftstation und buchen die Tickets. Heute fahren wir noch hoch zur Porta Vescova, um im Abendlicht frei von Wanderern den Bindelweg zur Bindelweghütte zu fahren. Morgen wollen wir von dort den Lift- und Trail-Zirkus um die Sella herum, die Sellaronda, starten.

Zackig fliegen wir mit einer riesigen Gondel den Berg hinauf. Oben ausgespuckt haben wir wieder eine grandiose Aussicht auf die Dolomiten. Wir finden den Bindelweg und ich bin ein klein bisschen erschrocken. Steinig, steil und nah am tiefen Abhang liegt er vor uns. Kein Wunder, dass er offiziell für Biker gesperrt ist. Es geht nur mit einigem Schieben und einer kurzen Passage kletternd mit dem Rad über der Schulter entlang eines Stahlseils. Im Verlauf werden wir aber belohnt. Der Weg ist meistens fahrbar, erfordert aber größte Konzentration.

Der Bindelweg verzeiht keine Fehler – eigentlich sollte hier niemand Radfahren

Nach weiteren 150 Höhenmetern erreichen wir die Bindelhütte. Wir hoffen natürlich auf einen freudigen Empfang werden aber begrüßt von einem missmutigem, ungepflegten und übel nach Schweiß riechenden älteren Italiener. Von einer Reservierung weiß er nichts, wir mögen ihm es beweisen mit einem Ausdruck der Anzahlung: „Zeigen, zeigen, zeigen“ mehr geht nicht über seine Lippen. Natürlich haben wir die Kontoauszüge der letzten 3 Monaten nicht dabei! Irgendwie schaffen wir es aber, sein Murren und Zetern erstmal zu ignorieren, bestellen drei Radler und setzen uns raus auf die Terrasse. Das war eine gute Idee, denn es stellt sich heraus, dass der mürrische ältere Herr doch so seine freundliche Seite hat. Stück für Stück werden wir warm miteinander und er mutiert zum Kuschelbären. Plötzlich klappt alles, er hat in seiner Buchhaltung nachgesehen: „Kucken, kucken, kucken“. Schnell wird das Essen für den Abend ausgesucht und damit wir duschen können, verschiebt er für uns den Beginn des Abendessens nach hinten. Um 19 Uhr sitzen wir zusammen mit einem jungen Pärchen aus Leipzig, das etappenweise von München nach Venedig wandert in der Riesenhütte, die tagsüber wohl von hunderten Wanderern angesteuert wird. Wir sind jetzt nur zu fünft auf der Hütte.

Tagsüber ist hier die Hölle los, wir waren zusammen mit einem Leipziger Wanderpärchen die einzigen Nachtgäste

Beim  Abendessen trauen wir unseren Augen nicht, denn wir sehen auf 2432m, dem höchsten Punkt unserer Reise, einen Fuchs vor der Hütte herumstreifen. Der Wirt erzählt uns, dass er jeden Abend auf der Suche nach Resten ist.

Donnerstag, 10.09.2020

Bindelhütte, Rifugio Fredarola, Sella Ronda im Uhrzeigersinn bis Braia Fraida, La Villa, Badia, Pederoa

Um 6 Uhr stehen wir auf, um wenig später draußen den Sonnenaufgang zu genießen. Direkt gegenüber von der Hütte liegt der höchste Berg der Dolomiten der Marmolado mit seinem Gletscher, bzw. dem was davon übrig ist. Links und rechts leuchtet der schmale Bindelweg am steilen grünen Berg. Wieder ändern sich Minute für Minute die Farben.

Fedaiasee und Marmolada Gletscher
Entlang des Dolomiten Höhenwegs Nr. 2 Richtung Canazei

Nach einem unspektakulären, schnellen Frühstück brechen wir früh auf, da erneut Gewitter vorhergesagt sind und wir nicht die Sellaronda gefährden wollen. Die Fortsetzung des Weges zur Frederola-Hütte ist breiter und super fahrbar. Dann steigen wir in die Sellaronda ein. Erst ein Stück gegen den Uhrzeigersinn zum Fodom-Lift, dann planmäßig im Uhrzeigersinn. So richtig eine Vorstellung was uns erwartet hatten wir nicht. Es geht meist in angelegten Trails mit Steilkurven, Stufen und Holzbrücken mehr oder  minder steil die Berge runter. Beim ersten Anlieger muss ich schon Notbremsen. Danach erinnere ich mich daran, was ich im Zug in einer Zeitschrift über Mountainbike-Fahrtechnik gelesen habe: gespannter Cowboy, mit dem Oberkörper in die Kurve drehen, dort hinsehen wo man hinfahren will, Schwerpunkt immer überm Tretlager und zack, funktionierte es. Links, rechts, links, rechts, rechts, links, es klappte. So arbeiten wir uns Lift für Lift durch ein paar Trails. Dann stehen wir mit freudiger Erwartung vor einem S2 Trail namens Infinity Trail und hier übernehmen wir uns. Der erste Abschnitt geht gebremst und mit kurzem Schieben gut, dann kommt der erste Anlieger. Sau-steil und steinig. Ich fahre vor und packe mich voll ab. Verdrehter Lenker, verdrehte Glieder, blauer Hintern aber sonst alles heil. Wir verlassen den Trail und nehmen den Pass-Straße, um die Runde an anderer Stelle auf einfacheren Trails fortzusetzen. S2 ist wohl doch eine Nummer zu hoch für ungeübte Norddeutsche.

Hier konnten wir entlang der Sella-Ronda ausgewiesene MTB-Trails fahren

Der Rest der Runde macht Spaß, aber ist nach dem puren Naturerlebnis der unberührten Alpen in den Tagen zuvor etwas gewöhnungsbedürftig. Alles erschlossen für Ski- und Wandertourismus ist doch nicht so ganz unsere Reisevariante. Allerdings muss man die Sellaronda wohl einmal gemacht haben, wenn man mit dem Mountainbike in den Dolomiten unterwegs ist. So arbeiten wir uns weiter und nach einer dreiviertel Runde befinden wir uns auf 2180 m auf der Braia Fraida, einem Berg in der Gebirgsgruppe Alta Badia nordöstlich der Sella.

Blick auf die Fanesgruppe

Hier steigen wir wie geplant aus, um unseren Weg nach Norden fortzusetzen. Mit vielen Höhenmetern versorgt geht es wieder auf schönen Schotterpisten bergab. Im Tal ein kleines Stück Hauptstraße, kurze Pause in Badia und gleich wieder links in die Höhenwege oberhalb der Zivilisation der Talsohle. Dabei schrauben wir uns wieder hoch auf knapp 1600 m. Eigentlich war die nächste Übernachtung in San Martin geplant. Beim Pausenstopp hatten wir aber beim Googlen einen Ort vor San Martin ein Wellnesshotel mit Sauna und Halbpension entdeckt und nach kurzem Telefonat gebucht. Also in freudiger Erwartung mit Vollgas hinunter ins Tal zur Posta Pedeora. Ein hervorragendes Hotel mit super stylischen Zimmern, toller Sauna, Ruhezone, Halbpension mit dem leckersten und dennoch günstigsten Essen der gesamten Tour. Ausnahmsweise haben wir hier auch mal Fotos von unserem Essen geschossen.

Nach dem MTB-Trailabenteuertag gönnen wir uns ein schönes Hotel
Ein Salat vorweg …
… dann die Suppe …
… und den Tafelspitz …
… zum Abschluss das Dessert

Freitag, 11.09.2020

Pederoa, San Martin, Antermeia, Lüsner Joch, Col da Lech, Glittner Joch, Lüsen, St. Andrä, Plose, Brixen

Diese Etappe soll uns über Hochebenen auf 2300 Metern durch die so gar nicht raue Landschaft der nördlichen Dolomiten zurück nach Brixen bringen. Meine Sorge, dass die Abschlussetappe etwas langweilig werden könnte bestätigte sich nicht. Auf steilen Teer-Serpentinen bergauf begegnen wir zunächst zahlreichen Rennradfahrern, Motorradfahrern und Sportwagen-Gruppen. Es scheint eine übliche Route über das Würzjoch Richtung Westen zu sein. Wir arbeiten uns sukzessive hoch und biegen 5 km vor dem Würzjoch rechts ab und fahren auf immer kleineren Wegen zum Lüsner Joch. Kurz vor dem Ziel ist der Trail nicht mehr zu erkennen und wir schieben unsere Räder nach Kompass orientiert steil bergauf durch den Wald. Dann findet sich der Weg schnell wieder und wird auf der anderen Seite der Anhöhe plötzlich zu einem fahrbaren Trail. Am Lüsner Joch waren wir schon vor 6 Tagen. Ein Mini-Stück des Weges von ca. 500 m überschneidet sich mit der ersten Etappe. Ein kleines Déjà-vu ist die Hütte, an der wir vor knapp einer Woche wegen Gewitters unsere Brötchenpause unterbrachen. Nun fahren wir aber weiter bergauf auf den Col da Lech, wo wir eine kurze Picknickpause am Gipfelkreuz einlegen.

Der letzte Gipfel wird erklommen

Von hier oben lassen sich in der Ferne viele Gipfel, die wir auf der Reise gesehen haben nochmals gut beobachten.

Blick vom Col dal Lé nach Süden

Weiter geht es zum eigentlich höchsten Punkt am Glittner Joch und dann den Hügel hinab ins Tal nach Lüsen.

Vom Glittner Joch zurück nach Brixen
Es geht fast nur noch bergab

Im Wald ist unsere einzig mögliche Route wegen Baumfällarbeiten voll gesperrt. Da es Freitag 14 Uhr ist und wir keinerlei Sägen oder Motoren hören, beschließen wir, dass sich die Italiener wohl schon ins Wochenende verabschiedet haben. Wir ignorieren die Sperrung und fahren zum Glück unbehelligt hinab nach Lüsen. Umdrehen wäre jetzt wirklich schmerzhaft gewesen. In Lüsen machen wir die letzte kurze Pause unserer Rundtour. Wieder sind sämtliche Höhenmeter futsch und wir machen uns auf den Aufstieg zur Plose, um die Fahrräder dort abzugeben. Der Weg hinauf zieht sich und ist doch steiler und länger als vermutet. Den Abgabetermin im Nacken spulen wir mit Vollgas und Windschatten-Fahrt die 20 Kilometer zur Plose ab. Knapp, aber in time erreichen wir die Verleihstation in der Andreas und Marco die völlig verdreckten Fahrräder abgeben. Ich reinige mein Rad an der Bikewash-Station, das macht das Auseinanderbauen für die Bahnfahrt angenehmer. Während die beiden mit dem Bus ins Hotel fahren, sause ich die gerade mühsam erkämpften Höhenmeter nach Brixen hinab. Da wir das Hotel schon von der Hinfahrt kennen, ist die Ankunft im Milander Hof wie eine kleine Heimkehr. Nochmals genießen wir einen milden südländischen Abend in Brixen und sitzen bis zehn Uhr abends draußen im Restaurant. Fast bis in die Nacht zerlege ich mein Rad transportfähig.

Zauberpilze, wir wissen wo sie wachsen!

Samstag, 12.09.2020

Da unser Hotel erstaunlicherweise schon Frühstück ab 6 Uhr anbietet, genießen wir es in Ruhe und brechen satt und zufrieden auf zum Bahnhof. Um 8:16 Uhr treten wir mit dem Zug den Heimweg nach Schleswig-Holstein an. Eine wundervolle Dolomitenrundfahrt geht zu Ende.

Outro

Im Endeffekt ist der Plan einer erlebnisreichen und dennoch genussvollen Tour durch die Dolomiten voll aufgegangen. Bis auf kleine Pannen ist alles glatt gelaufen. Dass einige Schiebepassagen dabei waren lässt sich nicht verhindern, wenn man eine Tour mit hochalpinen Anteilen gestaltet. Einzig kann ich feststellen, dass mein Fully mit 120 mm Federweg vorne und 110 mm hinten teilweise mit dem groben Gelände überfordert war. Mit einem echten Allmountain-Fully hätte ich bergab vielleicht manchmal mehr Spaß gehabt, bergauf allerdings auch mehr Probleme. Sicher ist, dass man auf dieser Tour mit einem Hardtail keine Freude gehabt hätte. Und zuletzt die Cappuccino-Pausen-Strichliste: IIIIIII, also acht Stück: perfetto!


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Andreas Profil

Andreas Urbschat

Digitale Fotografie seit 2014